11.05.2021

Die Geschichte von Florian Leitner ist eine, die Mut macht. Denn er ist heute wieder fast voll einsatzfähig und betreibt Sport auf Spitzenniveau. Etwas, was wenige Monate zuvor komplett undenkbar gewesen wäre.

Fast die ganze Mannschaft infiziert

Florian Leitner spielt Handball bei GC Amicitia Zürich in der höchsten Schweizer Liga. Am Tag vor einem Spiel im vergangenen Oktober erwachte er mit Grippesymptomen und rief den Trainer an. Dieser lachte nur und sagt: «Du hast Corona!» Das Telefon des Trainers war schon heissgelaufen an diesem Tag: Über ein Dutzend Spieler und Staff-Mitglieder hatten sich gleichzeitig angesteckt.

«Eine halbe Stunde Training war, wie einen halben Marathon zu rennen.»

Nach der zehntätigen Isolation und einer «harten Grippe» stand die Mannschaft wieder auf der Platte. Es galt, das Verpasste nachzuholen: Drei Trainings und zwei Spiele innerhalb von sechs Tagen standen auf dem Programm. Während die Teamkollegen wieder Tritt fassten, merkte Leitner beim zweiten Spiel: Der Motor geht nicht mehr an.

Plötzlich schwarz vor Augen

In Trainings musste Leitner nun doppelt so viel trinken, und eines Morgens wurde es ihm nach einer Viertelstunde lockeren Joggens plötzlich schwarz vor Augen. Es zeigten sich bekannte Symptome von Long-COVID: Das Gefühl, beim Atmen nicht genug Sauerstoff zu bekommen, Konzentrationsschwierigkeiten, enormes Schlafbedürfnis. Der Mannschaftsarzt prüfte Florian Leitner durch: Das Herz war in Ordnung, das Lungenbild zeigte keine Auffälligkeiten. Einzig auf den Asthma-Test reagierte Leitner plötzlich.

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Die Pneumologin verschrieb einen Cortison-Spray, der die Beschwerden innert zwei Monaten hätte beseitigen sollen. Eine Besserung trat jedoch nicht ein, und so versuchte sich Florian Leitner an einer Atemtechnik, die ihm ein Kollege empfohlen hatte: Die Wim-Hof-Methode.

Nach zwei Wochen zurück im Training

Und es geschah das schier Unglaubliche: «Es ging zwei Wochen, und ich konnte im Training wieder überall mitmachen», erzählt Leitner. «Bald kam ich zu Kurzeinsätzen, und heute spiele ich problemlos eine ganze Halbzeit durch.»

So funktioniert die Wim-Hof-Methode

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Die Methode von Wim Hof besteht hauptsächlich aus einer speziellen Atemtechnik und Kälteexposition (kalt duschen/Bad im kalten Wasser). Bei der Atemtechnik wird abwechselnd intensiv geatmet und die Luft angehalten. Florian Leitner hat sich die Methode mit geführten youtube-Tutorials angeeignet. Wichtig: Zuerst die Sicherheitshinweise anschauen. Danach geht es an die Geführte Atmung (englisch mit deutschen Untertiteln). Das Ganze ist auch in einer kostenlosen App verfügbar (für Apple und Android).

Die Wim Hof Methode muss mit einer gewissen Vorsicht angewendet werden. «Es gilt den Körper zu fordern, aber nicht zu überfordern. Sowohl bei den Atemübungen wie auch bei der Kälteexposition ist es wichtig, Schritt für Schritt vorzugehen und gut auf den Körper zu hören», sagt die Wim-Hof-Instruktorin Helena Hefti Wenger. Die Methode sei auch für gesunde Menschen zu Beginn fordernd. «Wenn es sich zu streng anfühlt, kann man auch einfach mal eine Runde atmen und dann die Luft anhalten, anstatt das gleich drei- oder viermal zu wiederholen.» Im Zweifelsfall sollte man sich von einer Fachperson begleiten lassen.

Instruktoren für die Wim-Hof-Methode findet man auf der offiziellen Seite (in Englisch). Zuerst «Europe» auswählen, dann nach «Schweiz» oder «Switzerland» suchen.

Florian Leitner macht die Übung jeden Morgen auf nüchternen Magen – liegend in seinem Bett, auf dem Sofa oder der Yogamatte: 40 Mal tief ein- und locker ausatmen. Beim letzten Mal ausatmen die Luft möglichst lange anhalten. Das ist schon fast alles. «Am Anfang konnte ich die Luft nicht viel mehr als eine Minute anhalten – jetzt bin ich bei dreieinhalb Minuten», sagt Leitner. Dazu kommen Eisbäder oder kalte Duschen. Selbst im Januar ging Leitner täglich in die Limmat. «Das längste Bad dauerte 10 Minuten, bei 5 Grad», erzählt er.

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Doch entscheidend für die Verbesserung scheint die Atemübung zu sein. «Als es mir markant besser ging, habe ich die Atemübungen während zwei Wochen pausiert, während ich weiterhin eisbadete», erzählt Leitner. Und siehe da: «Es ging mir wieder schlechter, ich musste Pausen machen und konnte nicht mehr trainieren. Dieser Selbstversuch bestätigte mir, dass die Besserung tatsächlich dank den Atemübungen einsetzte.» Als er die Übungen wieder aufnahm, war er nach zwei Wochen wieder voll dabei. Für Leitner der Beweis, dass die Methode wirkt.

Mut und Wissen weitergeben

Ob solches Atemtraining allen Betroffenen von Long-COVID helfen kann, ist offen. Schliesslich kann die Art und Kombination der Symptome sehr unterschiedlich sein. «Ich bin überzeugt, dass manche Betroffene von Atemtherapie profitieren können, aber wahrscheinlich nicht alle», sagt Pneumologe Christian Clarenbach.

«Zuerst schaffte ich kaum eine Minute, jetzt kann ich die Luft dreieinhalb Minuten anhalten.»

Trotzdem macht das Beispiel von Florian Leitner Mut. Es häufen sich Berichte, dass Atemtraining bei Long-COVID sehr hilfreich sein kann. Es muss nicht unbedingt die Methode von Wim Hof sein, auch andere können hilfreich sein. Das zeigen auch die Erfahrungen von Brigitte Post mit einer Atemtherapie oder aus dem Mount-Sinai-Krankenhaus. Bei Florian Leitner waren die Verbesserungen dermassen eklatant, dass er seine Erfahrungen unbedingt weitergeben möchte.

Für Spitzensportler – und weitere Betroffene?

Kürzlich wurde erstmals öffentlich über einen Fall von Long-COVID im Schweizer Spitzensport berichtet, am Beispiel von Jan Lochbihler. Florian Leitner hat kurzerhand mit ihm Kontakt aufgenommen und von seinen Erfolgen berichtet. Vielleicht ebnet die Methode noch anderen Athleten den Weg zurück an die Spitze – und weiteren Betroffenen zurück in ein beschwerdefreies Leben.