15.04.2021

Manchmal sind es die Banalitäten des Alltags, die am eindrücklichsten sind. «Letzte Woche wollte ich mir ein Sandwich machen», erzählt Erik Kötter am Telefon. Also: Käse schneiden, Brot schneiden, mit Senf und Mayo bestreichen, etwas Salat waschen, fertig. «Ich kam nur bis in die Hälfte – danach brauchte ich eine Pause», erinnert sich Kötter. «Es ist ein Gefühl, wie ich es noch nie gespürt habe.»

«Wirklich begriffen, was für ein Leidensdruck es ist, habe ich trotz meiner Erfahrung und Ausbildung als Arzt nicht.»

Zwar gibt es Begriffe für diese allumfassende Erschöpfung, die Long-COVID-Betroffene ergreift. Und Erik Kötter kennt sie bestens. Als Mediziner hat er sie studiert, als Hausarzt hatte er sogar bereits Patienten mit Long-COVID betreut. «Ich habe sie so gut wie möglich unterstützt», sagt Kötter. «Doch wirklich begriffen, was für ein Leidensdruck es ist, habe ich trotz meiner Ausbildung nicht», erzählt der Arzt, der seine Geschichte hier unter einem Pseudonym veröffentlicht.

Unbeschreibliches Unvermögen

Es sei ein komplett neues Gefühl, das mit dem Wort «Fatigue» nur unzureichend beschrieben sei. «Ich musste dafür kämpfen, überhaupt etwas sagen zu können, die Arme heben zu können, mein Handy zu halten.» Wenn man das nicht selbst erlebt habe, könne man es sich kaum vorstellen.

Stock Inhaltsbild

Dabei steht Erik Kötter nicht im Verdacht, speziell empfindlich oder wehleidig zu sein. Und das war vielleicht genau das Problem. Nach seiner COVID-Erkrankung meldete sich Kötter ein paar Tage krank und machte dann während der Isolationszeit home office. Nach drei Wochen fing er wieder voll an zu arbeiten.

Zu früh wieder Gas gegeben?

«Ich war schon noch nicht voll fit», erinnert sich Kötter. Legte er mit dem Velo einen Zwischenspurt ein, hatte er für einen Moment ein Erschöpfungsgefühl im ganzen Körper, dumpfe Schmerzen in der Muskulatur. Doch die gingen wieder weg. Nach den langen Arbeitstagen fühlte er sich wie ein Sack Kartoffeln. Aber am nächsten Morgen ging es wieder. «Ich habe einfach weitergemacht. Manchmal muss man sich eben durchbeissen», sagt Kötter.

Er ignorierte die Signale seines Körpers – und dann kam der Crash. Seither ist alles anders. Auch nach 2 Monaten liege er 95% der Zeit, erzählt der 38-Jährige. «Ich kann jetzt aufstehen und Geschirr ausräumen», freut er sich. «Aber dazwischen und danach muss ich immer noch eine Pause einlegen.»

Er ignorierte die Signale seines Körpers – und dann kam der Crash.

Auf Hilfe angewiesen zu sein statt selbst zu helfen, macht ihm besonders zu schaffen. «Meine Frau hat eine Trophäe verdient. Aber ich habe ein riesiges Schuldgefühl, wenn ich sehe, wie gestresst sie ist», sagt Erik Kötter. Vor seiner Erkrankung hatte er nach Kräften im Haushalt und bei der Betreuung der vier Kinder geholfen, nun muss sie den Laden komplett alleine schmeissen.

Da für die Kinder – und sie für ihn

An guten Tagen sieht Kötter trotzdem einige Lichtblicke. Er freut sich darüber, dass er mehr mit den Kindern lesen, Hausaufgaben machen, Spiele spielen kann. «Das hilft mir auch psychisch. Ohne die Familie wäre ich wohl in eine Depression gerutscht.» Wenn Erik Kötter mag, liest er auch Krimis, die jahrelang ungelesen blieben, und katapultiert sich damit in eine andere Welt, in der COVID kein Thema ist.

«Ihr seid nicht alleine. Es ist nicht nur in eurem Kopf, sondern eine reale Krankheit.»

Alternatives für den Arzt

Ausserdem probiert er alternative Behandlungen aus, «auch wenn ich Hausarzt bin. Solche Ratschläge kommen sogar von Arztkollegen.» Zum Beispiel Akupunktur. Ob es nütze? Da habe er noch Fragezeichen. Er wolle einfach ausprobieren. «Aber auch dort muss ich schauen, dass ich mir nicht ein zu grosses Programm zumute.»

«Ihr seid nicht alleine»

Positiv hat Erik Kötter auf Atemübungen reagiert, die er als Hörbuch hört (erhältlich beispielsweise auf Spotify, Audible oder exlibris). Gibt es sonst etwas, das der Hausarzt seinen Leidensgenossen mit auf den Weg geben möchte? «Ich wünsche mir, dass andere Betroffene spüren, dass sie nicht alleine sind. Es ist nicht nur in eurem Kopf. Sondern eine reale Krankheit.»

Bildquelle: Adobe Stock Photo

Anonymität bei Altea

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Manche Betroffene wünschen sich, anonym zu bleiben. Sie fürchten eine Stigmatisierung, zum Beispiel Nachteile in der Schule oder am Arbeitsplatz.

Bei Altea respektieren wir dieses Schutzbedürfnis und veröffentlichen diese Geschichten unter einem Pseudonym. Wir kennen die richtigen Namen und können durch persönliche Gespräche bezeugen, dass es sich um echte Personen und Geschichten handelt.

Wir sind überzeugt, dass diese Geschichten wichtig sind und es verdienen, gehört zu werden. Je mehr Wissen über Long-COVID vorhanden ist, desto weniger Nährboden gibt es für Stigmatisierung.