21.04.2021

Als Edith Schwitter, 52, im Dezember 2020 nach der Grippe-Impfung Fieber bekam und unter Muskel- und Kopfschmerzen litt, dachte die erfahrene Pflegefachfrau erst an eine Impfreaktion und arbeitete weiter.

Die ersten beiden COVID-Tests waren negativ, und so wollte sie am Wochenende für eine Schicht einspringen, weil das Pflegepersonal knapp war. Nach einem dritten, diesmal positiven Test, tauchten starke Kopf-, Muskel- und Gliederschmerzen auf, die mit Schmerzmitteln behandelt werden mussten. Edith Schwitter war erschöpft, das Atmen fiel ihr schwer, und sie litt unter Konzentrationsbeschwerden.

«Im Nachhinein hätte ich insistieren und gleich ins Spital gehen sollen, als es mir schlecht ging.»

«Man fühlt sich hilflos, wenn dir dein Arzt sagt, dass er dich nicht sehen will und du zuhause bleiben sollst, solange es nicht ganz schlimm sei», erinnert sich Edith Schwitter. «Im Nachhinein hätte ich insistieren und gleich ins Spital gehen sollen, als es mir schlecht ging.»

Entzündung breitet sich aus

Edith Schwitters Symptome waren zwar anfangs nicht so schlimm wie die ihres Partners, aber die Entzündungen breiteten sich unaufhaltsam in ihrem Körper aus. Erst wurde ihr eine beidseitige Lungenentzündung diagnostiziert. Darauf folgte eine Sinusitis (Stirn- und Kieferhöhlenentzündung). Die Inhalation von Asthmamitteln führte danach zu einer Pilzinfektion im Hals und Mundbereich (Soor). Danach bereitete sich eine Entzündung der Mundschleimhaut im gesamten Rachenbereich aus.

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Plötzliche Schmerzen in der linken Flanke und 40 Grad Fieber zwangen Edith Schwitter, das Spital aufzusuchen. Eine schwere Infektion in der Blase und im Nierenbecken wurde mit Antibiotika behandelt. Die Infektion sprach aber nicht auf die Behandlung an, und als die Entzündungswerte weiter anstiegen und sie viel Blut verlor, breitete sich am dritten Tag bei den Ärzten Angst aus. Edith Schwitter hatte eine eine Blutvergiftung.

Grosses Glück

«Erst im Spital habe ich realisiert, was für ein grosses Glück ich hatte. Ich bin nur knapp davongekommen, nachdem eine schwere Blutvergiftung mit dem Bakterium E. coli mein ganzes System befallen hatte», erzählt die Pflegefachfrau. Zum Glück liessen sich die Bakterien mit einem stärkeren Antibiotikum bekämpfen. Nach zwei Wochen konnte Edith Schwitter aus dem Spital entlassen werden.

«Mein Immunsystem spinnt. Überall klemmt etwas. Wenn das eine besser wird, dann folgt etwas Neues.»

In einer Long-COVID-Sprechstunde wurde ihr erklärt, dass ihr Immunsystem nicht mehr richtig funktioniere. Sie wurde bis Ende Mai wegen chronischer Erschöpfung (Fatigue) krankgeschrieben. Sie weiss heute noch nicht, ob sie zu diesem Zeitpunkt wirklich wieder zur Arbeit zurückkehren kann. Betroffenen rät Edith Schwitter, so schnell wie möglich eine Long-COVID-Sprechstunde aufzusuchen. «All die vorherigen Diskussionen und Erklärungen brauchen viel Energie und haben bei mir nicht weitergeführt.» Auch wenn gewisse Messwerte nicht auffällig sind, bedeutet dies nicht unbedingt, dass Betroffene tatsächlich gesund sind.

Ganz wichtig: Pacing!

In der Sprechstunde hörte ihr der auf chronische Müdigkeit spezialisierte Arzt richtig zu – und er holte Edith Schwitter auf den Boden der Realität zurück. Er erklärte ihr, dass Long-COVID-Betroffene nicht in ein paar Wochen wieder gesund werden. Während der folgenden Monate realisierte sie in der Tat, dass jede zu starke Belastung alles nur noch schlimmer machte. Pacing war angesagt, also Energiereserven verwalten und sich nicht überlasten.

«Ich weiss, dass Betroffene nicht simulieren und dass man sich dafür nicht zu schämen braucht.»

«Mein Immunsystem spinnt. Überall klemmt etwas. Wenn das eine besser wird, dann folgt etwas Neues. Die Muskelschmerzen sind so stark, dass du nicht ausweichen kannst», beschreibt Edith Schwitter. «Als Fachperson ist es doppelt schlimm, wenn man merkt, dass man auch nach Monaten immer noch so krank ist, dass man zuhause bleiben muss. Ich weiss, dass Betroffene nicht simulieren und dass man sich dafür nicht zu schämen braucht.»