15.04.2021

Bei Ausbruch der Pandemie ist der 38-jährige Daniel Steiner ein aktiver, sportlicher Mensch. Diszipliniert absolviert er dreimal wöchentlich seine 12 Bahnen im Schwimmbad oder läuft im zügigen Tempo seinen Hausberg, den Üetliberg, hinauf und wieder hinunter. Seine grösste Leidenschaft sind lange Flüge mit seinem Gleitschirm. «Ich war praktisch nie krank» erzählt Daniel Steiner, der in Wirklichkeit anders heisst.

Die Handwerker brachten das Virus

Die Schweiz erholte sich vom ersten Lockdown, als Daniel Steiner Arbeiten im eigenen Haus in Auftrag gegeben hatte. Wir erinnern uns: Zu dieser Zeit wurden Schutzmasken noch nicht behördlich empfohlen und so verwundert es nicht, dass weder die Handwerker noch Daniel Steiner sich damit schützten. «Einer der Arbeiter hustete oft, ich hielt aber zwei Meter Abstand und dachte, das reiche.» Dummerweise war genau in diesen Tagen eine Kältewelle eingebrochen und die Fenster blieben meistens zu. Fazit: Daniel Steiner steckte sich vermutlich mit dem Coronavirus an und erkrankte an COVID-19.

«Früher marschierte ich locker den Üetliberg hoch. Heute schiesst mein Puls auf 120, wenn ich zum Kühlschrank laufe.»

Die ersten Symptome traten nach einer Woche auf. «Ich hatte damals noch keine Ahnung von COVID-19», erzählt Daniel Steier. «Ich legte mich ins Bett und versuchte, die vermeintliche Grippe auszukurieren.» Erst drei Wochen nach der Infektion liess sich Steiner erstmals testen. Das Resultat war negativ.

«Sie sind halt es Bitzli unsportlich»

Für kurze Zeit schien es, als würde sich Daniel Steiner wieder erholen. Aber es kam anders: plötzlich erlitt der Unternehmensberater einen unerwarteten Leistungseinbruch. Innert kürzester Zeit stieg sein Ruhepuls auf 130 und der Sauerstoff-Wert sank gefährlich. Der Hausarzt schickte Steiner zur Notaufnahme, wo er nach einigen Stunden wieder nach Hause geschickt wurde. «Sie sind halt ein Bitzli unsportlich» bemerkte man im Spital.

Ground

So begann Daniel Steiners Leidensgeschichte mit Long-COVID. Die meisten Probleme hatten ihren Ursprung im Herzen. Dies erkannte Steiner früh dank dem Fitnesstracker, den er schon vor seiner Erkrankung ständig trug. «Heute schiesst mein Puls schon auf 120, wenn ich zum Kühlschrank laufe», weiss Daniel Steiner zu erzählen.

Ärzte wussten wenig

Von manchen Ärzten und Ärztinnen, an die er sich während seiner Leidensgeschichte gewandt hatte, ist Steiner enttäuscht. Sie hatten kaum Kenntnis über Long-COVID, zeigten wenig Verständnis und bezweifelten sogar die Existenz des Syndroms. Gleichzeitig war Daniel Steiner zu 100% krankgeschrieben und sass zuhause mit extremer Müdigkeit, Herzrasen, starkem Husten und Erscheinungen von Gedächtnisverlust. Ein Arzt meinte dazu, das sei vermutlich nur eine Depression.

Den Nachlass organisiert

«Wenn die Symptome nicht nachlassen und dir niemand helfen kann, beginnst du dir Sorgen zu machen» sagt Steiner. Auf Social Media folgte er einem von Long-COVID betroffenen Journalisten des «Guardian», der über seine Erfahrungen schrieb. «Sein Tod machte mir furchtbar Angst.» Daniel Steiner begann, seinen eigenen Nachlass zu organisieren.

«Wahrscheinlich wär’s besser gewesen, nicht so früh wieder mit Sport anzufangen. Aber damals hat mich niemand gewarnt.»

Die Trendwende läutete dann ein innovativer Hausarzt ein, der Daniel Steiner einen Entzündungshemmer verschrieb. Danach ging es ihm rasch besser. Er bekam die Symptome besser in den Griff und begann, sich selber schlau zu machen. Obwohl er kein Mediziner ist, las Steiner Studien und Berichte über Long-COVID und lernte viel über das Syndrom.

Heute geht es Daniel Steiner wieder recht gut: er ist zwar nicht geheilt, aber dank den Medikamenten hat er seine Symptome im Griff und kann wieder arbeiten. Nun hofft er auf eine rasche Impfung, von der er sich viel verspricht.

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