Mara Bauer
08.05.2021

Waldbaden ist im übertragenen Sinn zu verstehen: Man taucht mit all seinen Sinnen in den Wald und dessen Atmosphäre ein und nimmt so ein «Bad» im Wald. Dabei werden die Sinne nicht nur aktiviert, sondern auf gewisse Weise reaktiviert, da wir sie im Alltag häufig unbewusst «verschliessen» und Dinge nicht mehr richtig wahrnehmen. Ein Aufenthalt im Wald hat einen positiven Effekt auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden.

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«Bei Shinrin Yoku versuchen wir, von unserem Gedankenkarussell abzuspringen», erklärt Christina Hirzel, zertifizierte Shinrin Yoku Gesundheitstrainerin. In der heutigen Leistungsgesellschaft sind wir uns gewohnt, alles zu bewerten, auf ein Ziel hinzuarbeiten und möglichst effizient zu sein. Bummeln ist verpönt. All das gibt es bei Shinrin Yoku nicht. «Wir versuchen, diese verinnerlichten Massstäbe für einen Moment aktiv zu verlernen», sagt Hirzel. Die Teilnehmenden dürfen ihre Neugierde wieder zulassen und schätzen lernen – ähnlich, wie wir es als Kind getan haben.

Hilfreiches Herunterfahren

Die zurückgelegten Distanzen sind beim Shinrin Yoku nur kurz. Trotzdem ist die Praktik für viele Menschen zu Beginn überwältigend. Doch es lohnt sich, sich darauf einzulassen: Die Langsamkeit hilft, herunterzufahren und abzuschalten. Und genau das könnte, im Zusammenhang mit den Effekten der Natur, auch Betroffenen von Long-COVID helfen.

Die Geschichte des Shinrin Yoku

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Shinrin Yoku, zu Deutsch Waldbaden, hat seinen Ursprung in Japan, als Antwort darauf, dass viele Leute krankheits- und stressbedingt ausfielen. Es wurde im Jahr 1982 vom japanischen Landwirtschaftsministerium eingeführt. Damit wurde ein millionenschweres Forschungsprogramm gefördert, um die medizinische Wirkung des Waldbadens nachzuweisen. Heute ist Shinrin Yoku ein geschützer Begriff und eine forschungsgestützte Therapieform. Japanische Universitäten bieten eine fachärztliche Spezialisierung an.

Wichtiges «Pacing»

Ein wichtiger Aspekt ist das sogenannte «Pacing», also sich an die Langsamkeit zu gewöhnen und damit umzugehen. Genau das müssen viele Long-COVID-Betroffene gezwungenermassen lernen. Nach einer Erkrankung mit dem Coronavirus kann es zu Beginn schwerfallen, dies zu akzeptieren. «Weil man beim Shinrin Yoku immer wieder ins Staunen kommt und durch mehrfaches Praktizieren auch Fortschritte zu erkennen sind, kann dies für die Genesung von Long-COVID fördernd sein», führt Hirzel aus. Sich zu überanstrengen, kann bei Fatigue zu Rückschlägen führen. Deshalb kann es sich positiv auswirken, bewusste Langsamkeit zu lernen.

Ätherische Öle des Waldes wirken positiv auf Atmung und Immunsystem.

Ausserdem ist die Luft im Wald deutlich besser, was sich positiv auf Lunge und Atmung auswirken kann: Im Wald ist der Staubanteil 90 Prozent tiefer als in der Stadt. Und nicht nur das: Die Bäume und Pflanzen des Waldes scheiden sogenannte Terpene und Phytonzide aus. Das sind Pflanzenstoffe, welche vom Menschen durch die Atmung und die Haut aufgenommen werden und so das Immunsystem stärken können. Eben diese Terpene, beziehungsweise ätherischen Öle, können einen positiven Effekt auf die Atmung und die Lungenfunktion haben – und sich so fördernd für Long-COVID-Betroffene auswirken. Überdies können sie den Blutdruck normalisieren oder senken.

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Es gibt kein richtig oder falsch

Eine Shinrin-Yoku-Session dauert normalerweise zwischen zwei und drei Stunden. Die Anzahl Teilnehmende kann variieren, eine Gruppengrösse von vier bis zehn Personen eignet sich gut. Dabei bedienen sich die Kursleitenden verschiedener Techniken: Wahrnehmungs- und Atemübungen, Meditationen und Bewegungen aus dem Qigong. Die angeleiteten Übungen werden teilweise individuell und teilweise im Team durchgeführt.

Eine Pflicht, an allen Praktiken teilzunehmen, existiert nicht. Ebenso wenig gibt es ein richtig oder falsch. Christina Hirzel erklärt mit einem Beispiel: «Während jemand es als äusserst entspannend empfinden kann, barfuss über feuchtes Moos zu laufen, verspürt eine andere Person beim Barfussgehen Unwohlsein.» Auch dort gilt die Maxime: Auf sich selbst hören zu können ist das Wichtigste.

Waldbaden selbst ausprobieren!

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Wie funktioniert das genau mit dem Waldbaden? Am Dienstag, 15. Juni lädt LUNGE ZÜRICH in Zusammenarbeit mit Reto Frank (Psychologe FSP und zertifizierter Coach für Waldbaden) zum gemeinsamen «Waldbad» im Sihlwald ein. Zur Anmeldung und weiteren Infos. Weitere Termine am 6. Juli und am 31. August.

Christina Hirzel bietet Touren im Raum Gossau, Meilen, Stäfa, Zumikon an.

Eine Übersicht über zertifizierte Trainerinnen und Trainer aus der ganzen Schweiz findet sich bei der Waldbaden Akademie Schweiz.