Chantal Britt

Chantal Britt
20.04.2021

Das Kinderspital Zürich und das Kantonsspital Winterthur bieten seit Neustem Long-COVID-Sprechstunden für Kinder an (vgl. die detaillierten Angaben im Verzeichnis). Andreas Jung, der leitende Arzt der pädiatrischen Pneumologie in Winterthur, sagt dazu: «Wir haben in den letzten Wochen vermehrt Zuweisungen im Zusammenhang mit COVID-19 beobachtet, vor allem in der Pneumologie und Kardiologie.» Welche Grössenordnung Long-COVID bei Kindern einnehmen werde, lasse sich derzeit noch nicht abschätzen, doch man wolle die Situation beobachten. «Unsere Long-COVID-Sprechstunde für Kinder ist ganz neu und interdisziplinär ausgerichtet. Im Moment geht es vor allem darum, einheitliche Standards für die Untersuchungen festzulegen», sagt der Lungenfacharzt am Kantonsspital Winterthur.

Ausmass noch unklar

Auch die Story von Mattia zeigt es: Kinder leiden ebenfalls unter Long-COVID. Doch bislang fehlen in der Schweiz offizielle Zahlen oder Schätzungen dazu, wie viele Kinder und Jugendliche nach einer COVID-19-Infektion unter Langzeit-Beschwerden leiden.

A3 Adobestock 382256161

Bei Kindern wurde davon ausgegangen, dass sie sich weniger schnell mit dem Virus infizieren, es weniger gut übertragen und zumindest akut viel seltener mit schweren Symptomen zu kämpfen haben. Was die Infektionszahlen betrifft, so zeigen etwa Daten des Unispitals in Genf, dass Kinder ab sechs Jahren ähnlich hohe Infektionsraten haben wie Erwachsene vor dem Pensionsalter, also rund 10% in der ersten Welle und knapp 25% in der 2. Welle.

Schweden: Über 200 Fälle

Bereits Ende 2020 publizierte ein Schwedischer Kinderarzt einen Fallbericht über fünf schwedische Kinder, in dem er beschrieb, dass auch Kinder unter Langzeitsymptomen leiden.

In der Schweiz fehlen Schätzungen dazu, wie viele Kinder an Long-COVID leiden.

Die von ihm untersuchten Kinder hatten sechs bis acht Monate nach ihrer klinischen Diagnose immer noch Symptome wie Müdigkeit, Kurzatmigkeit, Herzklopfen, Brustschmerzen, Kopfschmerzen, Muskelschwäche und Konzentrationsschwierigkeiten. Auch wenn sich bei einigen die Situation gebessert hatte, so konnte doch keines vollständig in die Schule zurückkehren.

A2 Adobestock 207967207

Keines der Kinder war zum Zeitpunkt der Diagnose hospitalisiert, wobei eines in der Folge mit einer Herzmuskelentzündung stationär aufgenommen werden musste. Im Februar 2021 wurde in Schweden bereits von über 200 Fällen von Long-COVID bei Kindern berichtet.

Grossbritannien: über 10% der angesteckten Kinder betroffen

Das Statistische Amt in Grossbritannien schätzte im Januar 2021, dass von den Kindern, die sich mit COVID-19 angesteckt haben, etwa 13%–15% länger als fünf Wochen unten Symptomen leiden. Gemäss dieser offiziellen Schätzung verspüren 12.9% der britischen Kinder im Alter von 2 bis 11 Jahren und 14.5% der Kinder im Alter von 12 bis 16 Jahren fünf Wochen nach ihrer Infektion immer noch Symptome wie Müdigkeit, Schmerzen, Kurzatmigkeit, oder Magendarmbeschwerden.

Viele Betroffene können ihren Alltag nicht mehr bewältigen wie vor der Erkrankung.

Die britische Interessenvertretung Long Covid Kids sagt, dass sie derzeit Daten von über 2'100 Kindern in England hat.

Italien: Notwendigkeit, Kinder zu schützen

Ein aktueller Vorabdruck einer Studie, die noch von unabhängigen Wissenschaftlern begutachtet werden muss, sieht einen noch grösseren Anteil. Forscher in Italien untersuchten anhaltende Symptome bei Kindern, bei denen zuvor COVID-19 diagnostiziert wurde. Mehr als die Hälfte der Patienten berichteten 17 Wochen nach der Infektion über mindestens ein Symptom, wobei 42.6% der Befragten durch diese Symptome bei ihren täglichen Aktivitäten beeinträchtigt waren. Symptome wie Müdigkeit, Muskel- und Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Atembeschwerden und Herzklopfen waren besonders häufig – dieselben Symptome, die bereits auch bei Erwachsenen beschrieben wurden.

«Die Hinweise darauf, dass COVID-19 auch bei Kindern langfristige Auswirkungen haben kann […], unterstreichen die Notwendigkeit für Kinderärzte, Experten für psychische Gesundheit und politische Entscheidungsträger, Massnahmen zu ergreifen, um die Auswirkungen der Pandemie auf die Gesundheit von Kindern zu reduzieren», schreiben die italienischen Forschenden in ihrer Studie.