Tom Kobel

Tom Kobel
15.04.2021

Für Opernsänger ist die Lunge eines ihrer wichtigsten Arbeitsinstrumente. Jahrelang schulen und trainieren sie ihre Atem- und Stimmtechnik. Diese Techniken könnten auch Betroffenen von Long-COVID helfen, wieder besser zu atmen, dachte sich die English National Opera (ENO) in London. Sie lancierte deshalb letztes Jahr ein Übungsprogramm: ENO Breathe.

«Atemnot fühlt sich lähmend und beängstigend an. Unser Programm soll den Leuten helfen, ihre Symptome zu reduzieren.»

Das Programm, das natürlich online stattfindet, wurde von Lungen-Fachärztinnen des Imperial College mitentwickelt. Sarah Elkin, eine Spezialistin für chronisch verengende Lungenerkrankung (COPD – Chronic obstructive pulmonary disease), sagt dazu: «Atemnot fühlt sich lähmend und beängstigend an. Unser Programm soll den Leuten helfen, ihre Symptome zu reduzieren.»

Keine Vorkenntnisse nötig

Ausgangspunkt sind traditionelle Wiegenlieder. Diese haben mehrere Vorteile: Sie liegen in einer angenehmen Stimmlage, die ohne Anstrengung zu erreichen ist, die Melodien sind oft schon bekannt, und sie haben einen beruhigenden Effekt. Man müsse nicht gerne oder gut singen, um teilnehmen zu können, betonen die Verantwortlichen. Ein BBC-Bericht gibt einen kurzen Einblick, wie die Sitzungen ablaufen.

BBC1

Ausgehend von den Wiegenliedern wird dann der Atem neu trainiert, um alte Muster zu durchbrechen. Denn wer in Atemnot gerät, tendiert dazu, zu schnell und zu flach zu atmen – und damit das bedrängende Gefühl, zu wenig Luft zu bekommen, noch zu verstärken. Ein ruhiger, langsamer Atem kann Körper und Geist hingegen wieder beruhigen.

Singen hebt die Stimmung

Hinzu kommt noch ein weiterer Aspekt: Dass gemeinsames Singen die Stimmung hebt, ist schon länger bekannt. Genau dieser soziale Aspekt wurde von den Teilnehmenden des Programms ebenfalls als sehr positiv wahrgenommen: Sie fühlten sich weniger isoliert und als Teil einer Schicksalsgemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt.

«Definitiv weiterempfehlen»

Ein Teilnehmer des Pilotversuchs beschrieb das Programm als «fantastisch». Es habe ihm mit seiner Atemnot «enorm geholfen», wird er in der Medienmitteilung des Imperial College zitiert. Alle Teilnehmenden sagten, sie würden das Programm anderen Long-COVID-Betroffenen «definitiv empfehlen». Aufgrund dieser guten Erfahrung wird ENS Breathe nun in ganz England angeboten.

Kurzatmigkeit: Bei akuten Symptomen zum Arzt

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Kurzatmigkeit, speziell akut auftretende Kurzatmigkeit oder Atemnot, muss zwingend von einer medizinischen Fachperson abgeklärt werden, um die Ursache zu eruieren.

Bei akutem Auftreten von aussergewöhnlichen Symptomen wie starker Atemnot, Brustschmerzen, Schwindel oder Verwirrtheit holen Sie sich bitte Hilfe, z. B. über den Notruf 144.

Nur auf ärztliche Überweisung

Obwohl es sich um ein Online-Programm handelt, sind die Plätze allerdings beschränkt und verschreibungspflichtig. Teilnehmen kann nur, wer von einer Long-COVID-Klinik überwiesen wurde. Bis jetzt ist das Programm auf England beschränkt, auch wenn eine internationale Öffnung angedacht ist.

Interesse bei Schweizer Opernhäusern

In der Schweiz ist das englische Programm also nicht zugänglich. Und bei den hiesigen Opernhäusern gibt es noch nichts Vergleichbares, wie eine kleine Umfrage ergibt. In Bern ist das Londoner Projekt bekannt und stösst auf Interesse. «Wir prüfen derzeit, ob sich ein ähnliches Projekt bei uns umsetzen liesse», schreibt Konzert Theater Bern auf Anfrage.

Im Idealfall lässt sich mit Atemübungen der Lunge eine Atempause verschaffen.

Zugängliche Alternativen

Unabhängig vom Angebot der Opern können Interessierte auch in der Schweiz testen, ob ihnen Atemübungen Linderung und neue Lebensenergie verschaffen können. Bei Altea stehen zu diesem Zweck im Ratgeber verschiedene Übungen zur Verfügung. Im Verzeichnis kann zudem nach Atemtherapie-Angeboten gesucht werden.

Denn es mehren sich die Hinweise, dass die bewusste Beschäftigung mit dem Atmen für Long-COVID-Betroffene einen sehr positiven Effekt haben kann. Das zeigt beispielsweise die Geschichte von Brigitte Post. Sie beschreibt ihre erste Atemtherapie-Sitzung als derart emotional, dass sie vor lauter Erleichterung weinen musste.

Im Idealfall lässt sich mit Atemübungen also der geschundenen Lunge eine Atempause verschaffen – im wahrsten Sinn des Wortes.