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Mara Bauer
02.06.2021

Long-COVID ist nicht nur für Betroffene neu, sondern auch für Therapeuten und Ärzte. Entsprechend müssen alle lernen, mit dem Syndrom und seiner Vielseitigkeit umzugehen. So ging es auch der diplomierten Physiotherapeutin Petra Gmünder. Die 34-Jährige kam erstmals im Herbst 2020 mit akut erkrankten COVID-19-Patientinnen und Patienten in Kontakt. Bereits damals fiel ihr auf, wie divers die Krankheit ist und wie unterschiedlich sich die Physiotherapie auf Symptome auswirken konnte.

Bedürfnis, ernst genommen zu werden

Bald wurde klar, dass eine Erkrankung an COVID-19 auch einen langwierigen Verlauf nehmen kann, welcher die Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität von Betroffenen stark beeinflussen kann. «Manche Patientinnen und Patienten berichten, dass sie sich mit ihren Symptomen nicht erstgenommen fühlen. Dabei sind die Einschränkungen teilweise so gross, dass Betroffene – auch sehr junge Menschen – ihrem Beruf und ihren Freizeitaktivitäten nicht mehr im gewünschten Ausmass nachgehen können», erklärt Gmünder. Das habe sie dazu bewegt, zusammen mit ihren Teamkollegen am Kantonsspital Olten (KSO) die Post-COVID-Gruppe ins Leben zu rufen.

«Es erschüttert mich zu sehen, wie zuvor gesunde, dynamische Personen von heute auf morgen aus ihrem gewohnten Alltag gerissen werden.»

Die Post-COVID-Gruppe soll Betroffenen eine umfassende und gezielte Rehabilitation bieten. Ziel: Die Wiederherstellung von Selbstständigkeit im Alltag und Belastbarkeit. Weil es sich um ein neues Krankheitsbild handelt, gibt es noch wenig Wissen dazu, welche physiotherapeutischen Therapieformen hilfreich und sicher sind. «Deshalb setzen wir viel auf Erfahrungsberichte», erzählt Gmünder. «Es bedarf viel Eigeninitiative, sich Informationen zu beschaffen und stets auf dem aktuellen Stand des Wissens und der Wissenschaft zu bleiben.»

Auf den Körper hören – und nicht auf den Kopf

Für alle Beteiligten ist es zentral, dass Ärztinnen aus verschiedenen Fachrichtungen, Physiotherapeutinnen und weiteres Gesundheitspersonal eng zusammenarbeiten und sich regelmässig austauschen. So werden die Patientinnen und Patienten vor der Aufnahme in die Gruppe durch Ärzte untersucht und auf Risikofaktoren gescreent. Im nächsten Schritt gibt es eine physiotherapeutische Einzelsitzung, um den Erstbefund durchzuführen. Dort werden fortbestehende Einschränkungen auf physischer Ebene (körperliche Belastbarkeit) und die Beeinträchtigung der Lebensqualität erfasst. «Es ist wichtig, auf den Körper, und nicht auf den Kopf zu hören», gibt Gmünder zu bedenken, «auch wenn das nicht dem Naturell aller entspricht.»

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Geteiltes Leid ist halbes Leid

Tatsächlich gestartet hat die Post-COVID-Gruppe dann am 6. April 2021. «Zurzeit gibt es in der Gruppe Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren, rund 60 Prozent davon sind Frauen», erklärt Gmünder. Schon daran lässt sich erkennen, wie heterogen die Gruppe ist. Von Berufstätigen über Arbeitsunfähige bis hin zu Personen, die im privaten Setting stark gefordert werden, gibt es alles.

Die Teilnahme an der Post-COVID-Gruppe ist vorerst auf zwölf Wochen angelegt mit zwei Gruppeneinheiten pro Woche. Eine davon fokussiert das Ausdauertraining, die andere das Krafttraining. Tolerieren die Patienten und Patientinnen die Belastung, ist es wichtig, dass sie nebst dem Gruppentraining regelmässig auch das instruierte Heimprogramm ausführen und Aktivität in ihren Alltag einbauen. Den Betroffenen steht zudem Zeit für den Austausch über Selbst-Management-Strategien zur Verfügung. «Dieser Austausch wird von den Betroffenen als sehr wertvoll erachtet und fördert die Motivation», sagt Gmünder. Ein Aktivitätstagebuch soll sie überdies unterstützen, ihre Fortschritte zu sehen und allfällige Faktoren zu erkennen, die eine Symptomverschlechterung zur Folge haben können. «Was bei einigen eine Verbesserung der Symptome erzielt, kann bei anderen gar die Symptomatik gar negativ beeinflussen. Mögliche Trigger gemeinsam mit Patientinnen und Patienten aufzuspüren, ist sehr wichtig, um Erschöpfungszustände aufgrund von Überbelastung zu vermeiden. Dies bedingt unter Umständen auch, Gruppenmitglieder darin zu unterstützen, ihre Alltagsaktivitäten in bewältigbare Teilaktivitäten aufzuteilen, um längerfristig die Belastbarkeit dosiert und individuell zu steigern», fügt Petra Gmünder an.

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«Das Schönste bisher? Lachen in der Gruppe mit den Betroffenen.»

Gemeinsam am gleichen Strick ziehen

Sowohl für Betroffene als auch für Ärztinnen und Therapeutinnen ist es wichtig, nicht zu viel auf einmal zu wollen. Es sind kleine Schritte, die hoffentlich zum Erfolg führen. Ein Moment in der Therapiestunde bleibt Petra Gmünder besonders gut in Erinnerung: «Als die Gruppe kichernd aus der Umkleidekabine zurückkam, wurde mir warm ums Herz. Solche Momente, denke ich, tragen sehr viel zur Genesung bei.»

Anderen Therapeuten und Therapeutinnen rät Gmünder, nicht vor der aktuell noch relativ kleinen Datengrundlage zurückzuschrecken, stets einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen, den Austausch zu fördern und auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen. Denn das wahrscheinlich Wichtigste ist, dass sich die Betroffenen ernstgenommen fühlen, ihnen Gehör geschenkt und das Gefühl vermittelt wird, nicht allein gelassen zu werden. Das ist auch elementar, um schliesslich zusammen mit den Patienten und Patientinnen die individuell geeignete Dosierung im Belastungsaufbau zu definieren.